Schwangerenberatung

  • Schon während der Schwangerschaft werden die Weichen für die Gesundheit “ so auch für die Mundgesundheit “ eines Kindes gestellt. Eine frühzeitige Beratung der werdenden Mutter soll das Risiko einer Frühgeburt senken und verhindern, dass das Kind bereits in der frühen Kindheit an Karies (Zahnfäule) erkrankt.

Im Fokus der Schwangerenberatung liegt also nicht allein die Mundgesundheit der werdenden Mutter selbst. Auch dem ungeborenen Kind soll die Beratung im Sinne einer Primär-Primär-Prophylaxe zu Gute kommen. Zum einen sollen Munderkrankungen der Schwangeren vermieden werden, die das Risiko einer Frühgeburt in sich bergen. Zum anderen trägt die Aufklärung der Schwangeren über Karies als Infektionskrankheit wesentlich dazu bei, zu verhindern, dass ihr Kind an frühkindlicher Karies (engl.: Early Childhood Caries, ECC) erkranken wird.

Das Verfahren

Das Verfahren besteht in der Aufklärung über Risiken für die Mundgesundheit während der Schwangerschaft. Die Aufklärung umfasst folgende Themen:

1. Gingivitis und Parodontitis

Erhöhte Konzentrationen an –strogen und Progesteron im Blut verursachen eine verstärkte Blutungsneigung der Gingiva (des Zahnfleisches) sowie Gingivaschwellungen mit der Bildung von Pseudotaschen (die Zahnfleischtasche ist vermeintlich vertieft durch das Anschwellen der Gingiva. Eine echte Tasche entsteht dagegen durch entzündlichen Knochenrückgang und in der Folge durch ein Absinken des Taschenbodens). Die Gingivaschwellung begünstigt die Nischenbildung und das Anlagern von Biofilm (Plaque, bakteriellem Zahnbelag).

Bei der Zahnpflege kann es also zu Zahnfleischbluten kommen. Wird nun der Fehler begangen, die Zahnpflege zu reduzieren, um eine erneute Blutung zu vermeiden, so vermehrt sich der Biofilm und führt zu einer entzündlich bedingten Gingivitis (Zahnfleischentzündung) mit noch stärkerer Zahnfleischblutung. Ein Teufelskreis wird aufgebaut, der durch entsprechende Aufklärung, Prophylaxemaßnahmen wie z. B. durch eine professionelle Zahnreinigung (PZR), intensivierte häusliche Zahnputztechniken sowie Hilfsmittel zur täglichen Mundhygiene unterbrochen werden kann und muss.

Wird die Mundhygiene jedoch zunehmend vernachlässigt, können parodontopathogene Keime (Keime, die den Zahnhalteapparat schädigen) Oberhand in den Pseudotaschen gewinnen. Entwickelt sich daraus eine schwere Parodontitis (Entzündung der Weichgewebe des Zahnhalteapparats und des umgebenden Knochenfachs), ist das Risiko für eine Frühgeburt (vor der 32. SSW) deutlich erhöht [2].

2. Schmerzen und Stress

Dass Schmerzen Stress auslösen können, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Im ungünstigen Fall kann dies auch zu frühzeitigen Wehen führen. In der Schwangerschaft auftretende akute Schmerzzustände im Zahn-, Mund- Kieferbereich sollten deshalb “ möglichst schmerzfrei “ behandelt werden [4].

3. Frühkindliche Karies “ Übertragungswege

Viele Eltern sind sich nicht im Klaren darüber, dass Karies (Zahnfäule) eine Infektionskrankheit ist. Das natürliche Mundhöhlenmilieu setzt sich aus einer Vielzahl von Mikroorganismen zusammen, die im Laufe der ersten Lebensjahre die Mundhöhle besiedeln. Kann die Besiedelung mit Karies verursachenden Bakterien über das vierte Lebensjahr hinausgezögert werden, ist die für sie geeignete ökologische Nische bereits von anderen Mikroorganismen besetzt [3].

Das vermeintliche "Reinigen" eines heruntergefallenen Nuckels, der von einer mit Kariesbakterien infizierten Pflegeperson zu diesem Zwecke abgeleckt wird oder das Vorkosten vom selben Löffel kommen folglich einer Lebendimpfung mit Kariesbakterien gleich. Diese Erkenntnis bedeutet für Mutter, Vater, Geschwisterkinder, Großeltern und alle weiteren mit der Pflege des Kleinkindes betrauten Personen: Löffel, Schnuller, Nuckel und Co. werden nur von dem Kleinkind benutzt, für das sie bestimmt sind! In Verbindung mit Prophylaxe, Ernährungslenkung und Zahnpflege steigen die Chancen für das Kleinkind damit enorm, kariesfrei ins Leben zu starten und auch durch das Leben zu gehen.

4. Senkung der Keimbelastung der werdenden Mutter

Keine Empfehlung ginge so weit, dass sie einer Mutter vom Küssen ihres Kindes abriete. Gerade deshalb ist es sinnvoll, kariogene (Karies verursachende) Bakterien in der Mundhöhle der werdenden bzw. jungen Mutter zu reduzieren:

  • Bereits nach Bekanntwerden der Schwangerschaft kann im dritten Monat eine zahnärztliche Untersuchung so wie eine professionelle Zahnreinigung (PZR) durchgeführt werden, die mit der Aufklärung über eine an die Schwangerschaft angepasste häusliche Mundhygiene einhergeht.
  • Im zweiten Trimenon (12. bis 25. SSW) können kariöse Läsionen (Zahnlöcher) beseitigt und eine nicht-chirurgische Parodontitisbehandlung durchgeführt werden. Desinfizierende Taschenspülungen und / oder in die Taschen eingebrachte antibakterielle Chips mit dem Wirkstoff Chlorhexidin (CHX) senken das Parodontitisrisiko.
  • Im dritten Trimenon (29. SSW bis 40. SSW) hat eine eventuell bestehende Schwangerschaftsginigivitis ihre stärkste Ausprägung. Sinnvoll ist jetzt eine erneute professionelle Zahnreinigung. Außerdem werden zur Senkung der Keimbelastung in den Wochen vor der Geburt Mundspülungen mit Chlorhexidin (CHX) und Kaugummis mit einem möglichst hohen Anteil des Zuckeraustauschstoffes Xylit empfohlen. Kariogene Bakterien nehmen Xylit auf und gehen bei dem Versuch, es abzubauen, zugrunde.

5. Ernährung von Mutter und Kind

Eine ausgewogene Ernährung kommt während der Schwangerschaft Mutter und Kind gleichermaßen zu Gute. Zu den wichtigsten Vitalstoffen (Mikronährstoffen) für die gesunde Entwicklung der Zähne, die bereits in den ersten Wochen der Schwangerschaft angelegt werden, zählen Calcium so wie die Vitamine A, C und D. Sollten Defizite bestehen, sind Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere und Stillende empfehlenswert. Diese sollten neben den genannten Mikronährstoffen auch Folsäure, Jod, Eisen, Omega-3-Fettsäuren und Magnesium enthalten.

Um Kariesverursachern die Nahrungsgrundlage zu entziehen, gilt es, den Zuckergehalt von Nahrungsmitteln und Getränken gering zu halten. Dies gilt für Mutter und Kind natürlich gleichermaßen. Wird das Stillen zunehmend durch Flaschen und Breimahlzeiten ergänzt, kommen Eltern nicht umhin, sich genau mit den Inhaltstoffen von Baby- und Kleinkindnahrung zu befassen. Kariogener Zucker (Saccharide (Mono- und Disaccharide/Einfach- und Zweifachzucker) und auch die Handelsbezeichnung für Saccharose (Disaccharid/Zweifachzucker) ist enthalten in:

  • Instant-Tees
  • verdünnten und unverdünnten Fruchtsäften
  • Babybrei
  • Obstmus
  • Milchbrei
  • Muttermilch (7 % Milchzuckeranteil)
  • u. v. m.

Doch nicht nur der Zuckergehalt an sich, sondern auch das Ernährungsverhalten selbst beeinflusst das Kariesrisiko:

  • Übermäßig langes Stillen, zumal wenn es nachts nach Belieben erfolgt und jedes Mal ein Rest Muttermilch hinter den Schneidezähnen verbleibt, birgt ein sehr hohes Kariesrisiko in sich. Daraus resultiert die Empfehlung, nach Durchbruch der ersten Zähne abzustillen.
  • Dauernuckeln an Saugerflaschen mit zuckerhaltigen Getränken gilt heute als das Hauptrisiko für frühkindliche Karies. Daher sollten diese Flaschen am besten nur mit Wasser oder ungesüßten Kräutertees (keine Instantprodukte!) angeboten werden und aus Glas und somit zu schwer sein, als dass das Kind sich selbst damit bedienen könnte. Am sichersten aber ist die Empfehlung, einen Säugling von der Brust direkt auf das Trinken aus einem offenen Becher umzugewöhnen.
  • Das Kind sollte von Anfang an nur an wenig süße Nahrungsmittel und Getränke gewöhnt werden.

Literatur
1. Ratka-Krüger P.: Individualprophylaxe. Kassenzahnärztliche Vereinigung Hessen 2012
2.
Geopfert A. R., Jeffcoat M. K., Andrews W. W., Faye-Petersen O., Cliver S. P., Goldenberg R. L., Hauth J. C.: Periodontal Disease and upper genital tract inflammation in early spontaneous preterm birth. Obstetrics and Gynecology 104 (2004): 777 - 783
3.
Köhler B., Andréen I., Jonsson B.: The earlier the colonisation by mutans streptococci, the higher the caries prevalence at 4 years of age. Oral Mikrobiol Immunol 3/1 (1988): 14 - 17
4.
Amar S., Chung K. M.: Influence of hormonal variation on the periodonticum in women. Periodontology 2000/6 (1994): 79 - 87